Niatsu

Die Emissionen der Lebensmittelindustrie

Jakob Tresch

Vor einiger Zeit wurde ich gefragt, was mich motiviert, ein Unternehmen aufzubauen, das den Klimawandel angeht. Mein grösster persönlicher Antrieb war nie der Klimawandel selbst. Es war das Gefühl, dass wir den Bezug zu den Lebensmitteln verloren haben, die wir essen. Ich bin in einer Stadt aufgewachsen, die zwar nah an der Natur liegt, aber nicht dort, wo Lebensmittel produziert werden. Meine Eltern hatten einen kleinen Garten, und ich arbeite bis heute gerne im Garten. Aber selbst das, was manche heute Urban Farming nennen, hat sehr wenig mit dem zu tun, was in der Lebensmittelindustrie passiert.

Alle Menschen auf diesem Planeten müssen essen, und was wir essen, ist direkt mit einer der ältesten Ökonomien der Welt verbunden. Egal, ob du Lebenszyklus-Impacts in der Landwirtschaft untersuchst oder einfach als Konsument im Supermarkt einkaufst: Wir sind alle Teil dieses Systems.

Was wir hineingeben, ist was wir herausbekommen

1961 lag der durchschnittliche Einsatz von Dünger (Stickstoff, Phosphor und Kalium) weltweit bei rund 21 Kilogramm pro Hektar Ackerland. Bis 2022 ist dieser Wert laut FAO-Daten auf rund 113 Kilogramm pro Hektar gestiegen. Das ist ein Anstieg von mehr als 430% in rund sechzig Jahren.

Stickstoff Dünger Verwendung pro Hektar 1961Stickstoff Dünger Verwendung Pro Hektar 2023

Der Einsatz von Dünger war eine der grössten Veränderungen der modernen Landwirtschaft. Er erlaubte uns, deutlich mehr Lebensmittel auf derselben Fläche zu produzieren. Nehmen wir Weizen im Vereinigten Königreich: 1961 lieferte ein Hektar rund 3.5 Tonnen Weizen. Innerhalb weniger Jahrzehnte hat sich dieser Wert mehr als verdoppelt, und heute liegen die Weizenerträge im Vereinigten Königreich bei rund 7 bis 8 Tonnen pro Hektar.

Dünger selbst ist also nicht das Problem. Die entscheidende Frage ist, wie effizient wir ihn einsetzen. Wenn ein Landwirt mehr Stickstoff ausbringt und deutlich mehr Lebensmittel vom selben Feld erntet, verteilen sich die Emissionen auf mehr Kilogramm Produkt. Aber es gibt eine Grenze. Pflanzen können nur eine bestimmte Menge an Nährstoffen aufnehmen. Was sie nicht aufnehmen, kann in Wasser, Boden oder Atmosphäre verloren gehen.

Deshalb ist die Nährstoffeffizienz so wichtig. Sie beschreibt, vereinfacht gesagt, wie viel der Nährstoffe, die wir ins landwirtschaftliche System geben, tatsächlich in den geernteten Pflanzen landet. Zu wenig Dünger kann die Erträge begrenzen. Zu viel bedeutet, dass wir Ressourcen ins System geben, welche die Pflanze nicht nutzen kann, mit unnötigen Emissionen und Umweltbelastung als Folge.

So lässt sich auch die Ökobilanz (Life Cycle Assessment) verstehen. Eine stark vereinfachte Rechnung könnte so aussehen:

(Emissionen der Düngerproduktion + Emissionen aus dem Boden + Energie + weitere Inputs) / Ertrag = Emissionen pro kg Produkt

Natürlich ist eine echte Ökobilanz deutlich komplizierter. Aber die Grundidee bleibt dieselbe: Was geben wir ins System hinein, was kommt heraus, und was passiert dazwischen? Höhere landwirtschaftliche Inputs haben uns geholfen, die Erträge dramatisch zu steigern. Doch sobald sich das Ertragswachstum verlangsamt, macht mehr Input das System nicht unbedingt produktiver.

Globale Lieferketten

Es hat sich nicht nur verändert, wie wir Lebensmittel produzieren, sondern auch, woher sie kommen. Obwohl wir Kunden in Europa bedienen, werden viele der Waren, die sie beschaffen, in Asien produziert. Bei einem unserer Kunden stammt der grösste Teil der Emissionen in der Lieferkette beispielsweise aus China.

Das ist relevant, weil dasselbe Produkt einen sehr unterschiedlichen Fussabdruck haben kann, je nachdem, wo und wie es produziert wurde. Nehmen wir etwas so Einfaches wie getrocknete Zwiebeln.

Die Zwiebeln können in Indien oder in Deutschland angebaut werden. Der Landwirt setzt vielleicht unterschiedliche Mengen und Arten von Dünger ein. Der Strom für die Herstellung dieses Düngers stammt möglicherweise aus unterschiedlichen Energiequellen. Danach müssen die Zwiebeln getrocknet werden, was erneut Energie braucht. Eine Fabrik nutzt vielleicht Erdgas, eine andere Strom, und dieser Strom kann aus Kohle, Solar, Kernkraft oder Wind stammen.

Vergleich der in Deutschland verzehrten getrockneten Zwiebeln (Niatsu-Datenbank)

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kgCO2e/kg

In Deutschland angebaute und getrocknete Zwiebeln + kein Transport

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kgCO2e/kg

In Indien angebaute und getrocknete Zwiebeln + Transport nach Deutschland

Am Ende kommen beide Produkte bei einem Lebensmittelunternehmen an, schlicht deklariert als getrocknete Zwiebeln. Aus Umweltsicht sind sie aber nicht unbedingt dasselbe Produkt. Interessanterweise ist der Transport dabei oft weniger relevant, als man denkt. Global betrachtet macht der Transport nur rund 5% der Emissionen des Ernährungssystems aus. Was auf und um den Hof passiert, also Landnutzung, Dünger, Bodenemissionen und die Art der produzierten Lebensmittel, zählt oft deutlich mehr.

Wie gross ist der Fussabdruck des Ernährungssystems wirklich?

Rechnet man alles zusammen, also Landwirtschaft, Düngerproduktion, Landnutzungsänderungen, Verarbeitung, Verpackung, Transport und Abfall, dann ist das Ernährungssystem Schätzungen zufolge für rund ein Viertel bis ein Drittel der globalen Treibhausgasemissionen verantwortlich. Diese Zahl ist aus einem einfachen Grund bemerkenswert: Anders als Fliegen oder Autofahren ist Essen nicht optional. Wir können Lebensmittel nicht dekarbonisieren, indem wir weniger davon konsumieren. Wir können nur verändern, wie wir sie produzieren, wo wir sie produzieren und was wir auf unseren Teller legen. Und genau deshalb ist die Düngergeschichte vom Anfang so wichtig.

Der Fussabdruck unserer Lebensmittel hat nicht einen einzelnen Schuldigen. Er ist die Summe von Millionen von Entscheidungen entlang globaler Lieferketten: wie viel Dünger ein Landwirt einsetzt, wie dieser Dünger produziert wurde, ob Zwiebeln in Indien oder Deutschland getrocknet werden, ob ein Gewächshaus mit Gas beheizt wird oder mit welchem Strom eine Verarbeitungsanlage läuft. Keine dieser Entscheidungen steht vorne auf der Verpackung. Die meisten sind selbst für die Unternehmen unsichtbar, die das Endprodukt verkaufen.

Verlorener Bezug, in Zahlen gemessen

Ich habe diesen Beitrag mit dem Satz begonnen, dass mein grösster Antrieb nie der Klimawandel selbst war, sondern das Gefühl, dass wir den Bezug zu unseren Lebensmitteln verloren haben. Für mich sind diese beiden Dinge zunehmend dasselbe Problem.

Vor sechzig Jahren war der Weg zwischen Feld und Teller viel kürzer. Heute kann er durch Düngerfabriken, Höfe, Verarbeitungsbetriebe, Überseefracht und Fabriken auf drei Kontinenten laufen. Kein Konsument, und ehrlich gesagt kaum ein Lebensmittelunternehmen, kann diese Lieferkette noch intuitiv erfassen. Man kann sich nicht wieder mit einem System verbinden, das man nicht sieht.

Aber man kann es messen. Genau das leistet die Ökobilanz im Kern: Sie macht die unsichtbaren Teile unseres Ernährungssystems wieder sichtbar, in Zahlen. Und sobald man die Zahlen sieht, ist das System nicht mehr abstrakt.

Es wird zu einer Liste konkreter Entscheidungen, die man verändern kann.