Wie bewertet man den Fussabdruck von Lebensmittelverpackungen?

Wir werden oft gefragt, welchen Einfluss die Verpackung auf den gesamten Fussabdruck eines Lebensmittels hat. Eine der Herausforderungen dabei: Diese Frage kommt meist vom letzten Glied in der Lieferkette, zum Beispiel von Wholesale oder Detailhändlern. Unsere eigenen Kundendaten zeigen, dass Verpackungsemissionen insgesamt unter 5% des Gesamtfussabdrucks bleiben.
Warum Verpackung auch verwirrend ist
Bei Niatsu analysieren wir jedes Jahr Hunderttausende von Lebensmittelprodukten. Und jeder Partner, mit dem wir zusammenarbeiten, hat sich viel Mühe und Gedanken gemacht, warum er eine bestimmte Verpackung einsetzt. Einer unserer Kunden erzählte mir einmal, dass er die Verpackung seiner Sojasauce von der Glasflasche auf Plastik umgestellt hat (ja, auf Plastik, dazu später mehr). Das führte allerdings dazu, dass weniger Leute sein Produkt kauften, weil sine Sojasauce in der Plastikflasche als zu teuer wahrgenommen wurde. Lange Rede, kurzer Sinn: Verpackung und Lebensmittel hatten schon immer viel mit Konsumentenwahrnehmung zu tun.
Ein anderes Unternehmen entschied sich auf Basis unserer Analyse, Verpackung zu reduzieren und damit Kosten zu sparen (bis zu 1 Cent pro SKU), wobei mir persönlich die neue Verpackung überhaupt nicht gefiel. Es ist ein weit verbreiteter Glaube, dass die Verpackung im Gesamtfussabdruck eines Lebensmittels stark ins Gewicht fällt. Am Ende des Tages ist die Verpackung, in der wir unsere Produkte kaufen und nach Hause tragen, im Gesamtbild aber vernachlässigbar. Das bekannteste öffentliche Beispiel dazu ist die Gurke in Plastikfolie gegenüber der frischen Gurke: Kritiker sagen, die Folie sei Verschwendung, die Händler sagen, die verpackte Gurke bleibe länger frisch und reduziere damit Abfall. Unsere Daten geben hier den Händlern recht. Eine weggeworfene Gurke kostet weit mehr CO2, als die paar Gramm Folie je verursachen werden.
Die grössere Wahrheit ist allerdings, dass im gesamten Prozess viel Verpackungs- und Umhüllungsmaterial vergessen geht. Landwirtschaftsbetriebe verwenden reichlich Plastik, von der Pflanzfolie bis zu den Säcken, in denen Dünger geliefert wird. Und beim Transport von Grosshandelsware wird einiges an Material eingesetzt, damit eine Zutat sicher vom Anbauort ans Ziel kommt. Wer also nur die Verpackung zählt, die der Konsument sieht, unterschätzt die gesamte Verpackung in der Kette. Aber selbst wenn man alles einrechnet, bleibt der Anteil klein im Vergleich zu dem, was auf dem Feld passiert.
Wie kommt man zum Fussabdruck und was zählt wirklich?
Meine direkte Antwort: eine Emissionsdatenbank wie Niatsu nutzen und herausfinden, wie viel Verpackung pro Produkt eingesetzt wurde. Einfach, oder? Nun, es gibt noch eine zweite Antwort, nämlich dass die Verpackung im grösseren Bild vernachlässigt werden kann. Die landwirtschaftlichen Emissionen sind deutlich relevanter, und Verpackung macht im Schnitt weniger als 5% des Gesamtfussabdrucks aus. Es gibt zwei Ausnahmen von dieser Regel: Getränke und kleine SKUs.
Der Einfluss der Verpackung in der Getränkeindustrie ist doppelt. Erstens: Wer etwas verkauft, das hauptsächlich aus Wasser besteht (sehr geringer Fussabdruck), bei dem macht die Verpackung schnell einen erheblichen Teil des Totals aus. Zweitens treibt das Gewicht der Verpackung die Transportemissionen in die Höhe. Eine 500ml-Bierflasche aus Glas kann fast so viel wiegen wie das Bier darin. Deshalb kann ein lokales Bier deutlich besser abschneiden als eines, das über weite Strecken transportiert wurde. Dasselbe gilt für Wein und andere Spirituosen.
Bei kleinen SKUs, etwa einem 15g-Nusspäckchen oder einer einzelnen Käsescheibe in der PE-Box, ändert sich die Rechnung ebenfalls, ganz einfach, weil zu wenig Produkt im Verhältnis zur Verpackung drin ist.
Welche Verpackung solltest du für dein Lebensmittelprodukt wählen?
Kleiner Hebel hin oder her, entscheiden musst du dich trotzdem. Wenn die Klimawirkung dein Entscheidungskriterium ist, zeigen die Emissionsfaktoren in eine klare Richtung.
Faserbasierte Materialien liegen am unteren Ende der Skala, braunes Papier bei rund 0.33 kg CO2e pro kg, Karton knapp darüber. Für trockene Produkte wie Pasta, Getreide, Mehl oder Backwaren ist ein Papierbeutel oder Karton fast immer die Wahl mit dem geringsten Fussabdruck.
Für Produkte, die Feuchtigkeits- oder Fettbeständigkeit brauchen, sind Monokunststoffe wie PP und HDPE mit rund 1.7 kg CO2e pro kg die nächstbeste Option. Eine PP-Schale oder HDPE-Flasche schlägt in der Regel Glas, denn selbst vollständig rezykliertes Glas liegt bei etwa 0.91 kg CO2e pro kg, und eine Flasche wiegt fünf- bis zehnmal mehr als ihr Pendant aus Plastik. Wenn deine Marke Glas verlangt (erinnere dich an die Sojasauce), frag deinen Lieferanten nach dem Rezyklatanteil. Vollständig rezykliertes Glas senkt den Fussabdruck um einen Drittel gegenüber Neuglas.
Aufpassen musst du bei den Materialien, die im Regal harmlos aussehen. Mehrschichtige Barrierefolien, die PET oder PP mit Polyamid kombinieren, erreichen 4.2 bis 7.5 kg CO2e pro kg und sind bei Kaffee, Käse und Frischfleisch weit verbreitet. Wenn dein Produkt nicht zwingend eine Sauerstoffbarriere braucht, erledigt eine Monofolie aus PP oder PE den Job mit einem Drittel der Emissionen und lässt sich erst noch besser rezyklieren. Dieselbe Logik gilt für Aluminium: Neumaterial führt die Liste mit knapp 16 kg CO2e pro kg an, rund sechsmal mehr als die rezyklierte Variante. Rezyklatanteil sollte darum eine harte Anforderung in deiner Spezifikation sein.
Auch Biokunststoffe verdienen einen nüchternen Blick, bevor du den Aufpreis zahlst. PLA verursacht mit 3.5 kg CO2e pro kg in der Herstellung mehr Emissionen als herkömmliches PP. "Kompostierbar" auf der Etikette heisst also nicht automatisch tieferer Fussabdruck bei der Herstellung.
Die praktische Regel: Wähle das leichteste Monomaterial, das dein Produkt noch schützt, bevorzuge Papier und Faser, wo es die Haltbarkeit erlaubt, und akzeptiere Mehrschichtfolien nur, wenn die Barriere wirklich nötig ist. Und behalte das grosse Ganze im Blick. Das Lebensmittel selbst verursacht typischerweise weit mehr Emissionen als die Verpackung drum herum. Eine Verpackung, die versagt und dein Produkt verderben lässt, ist darum die teuerste Option von allen.
Und was ist mit Recycling?
Ein letzter Punkt zum Recycling. Die Zahlen oben beschreiben die Herstellung, aber deine Materialwahl entscheidet auch darüber, was nach dem Gebrauch passiert. Monomaterialien wie PP, HDPE, Papier und Glas laufen durch bestehende Recyclingströme, während Mehrschichtfolien und Kunststoffmischungen fast immer in der Verbrennung landen, weil sich die Schichten nicht trennen lassen. Ein rezyklierbares Design zahlt sich also doppelt aus: Deine Verpackung kann aus Rezyklat mit einem Bruchteil des Neumaterial-Fussabdrucks hergestellt werden, und sie bleibt im Kreislauf, statt ihn zu verlassen.
