Niatsu

Ist mein Food Footprint konform? Der Stand der Food-LCA-Standards 2026

Jakob Tresch

Wer will schon über Compliance und Regulierungen sprechen? Das Thema ist trocken, kompliziert, und oft braucht es ein paar Consultants, nur um zu erklären, worum es überhaupt geht. Bei Niatsu erstellen wir seit Jahren Food-LCAs nach ISO 14040/44, und trotzdem: Wenn mich ein Partner fragt, was ISO 14040/44 wirklich bedeutet, komme ich ins Grübeln. Der Grund ist einfach: Am Ende lässt sich ein LCA nach ISO 14040/44 nicht mit einem anderen vergleichen. Diese Lücke hat verschiedene Bestrebungen ausgelöst, die Methodik von Food-LCAs zu standardisieren. Ich dachte, ein Überblick könnte hilfreich sein.

Warum es einen Standard braucht, und warum es kompliziert ist

Stand August 2026 gibt es in Europa kein einheitlich anerkanntes Framework, um den Fussabdruck eines Lebensmittels zu bewerten. Viele Anbieter und Berater bieten an, einen Impact zu berechnen, aber die Ergebnisse untereinander zu vergleichen ist schwierig. Als wir Niatsu aufgebaut haben, war es eine grosse Diskussion, welchem Rahmenwerk wir folgen und wohin sich das Feld entwickeln würde. Es ist kompliziert.

ISO 14040/44 wurde ursprünglich als Leitfaden und Compliance-Standard für Life Cycle Assessments entwickelt. Das war 2006, als die ersten LCA-Datenbanken wie Ecoinvent und GaBi an Bedeutung gewannen. ISO 14040/44 sollte einen verlässlichen Rahmen schaffen, ein Set an Regeln und Systemgrenzen, wie eine LCA durchzuführen ist. Bis heute ist es das Standard-Rahmenwerk für LCAs. Das GHG Protocol baute später produktbezogene Leitlinien auf derselben Grundlage auf, und 2018 folgte ISO 14067 für den CO2-Fussabdruck von Produkten.

Das Problem bei Lebensmitteln: Diese Rahmenwerke lassen viel Flexibilität zu, und je nach Anwendung (Hersteller, Grosshandel, Detailhandel oder Konsument) gewinnen unterschiedliche Aspekte an Bedeutung. Niemand bestreitet, dass ein Standard hilfreich wäre: Er würde die Qualität erhöhen und die Verbreitung von Umwelt-Fussabdrücken in der Industrie beschleunigen. Aber es steckt viel Politik in der Frage, wer das Rahmenwerk setzen darf und wer den nächsten Standard baut.

Datenbanken und Methodiken

Wir bei Niatsu bauen sowohl eine neue Art von LCA-Datenbank für Lebensmittel als auch eine vollautomatisierte LCA-Plattform. Deshalb mussten wir unsere eigenen Regeln definieren, wie ein LCA nach unseren Standards durchzuführen ist, weiterhin konform mit ISO 14040/44.

Am Ende wollen alle dasselbe: einen Product Carbon Footprint, der genau, konform und verlässlich ist. Einen Fussabdruck, der sich in Zukunft nicht verändert und auf dem man Reduktions- und Reporting-Strategien aufbauen kann. In der Realität gibt es aber keine öffentlich verfügbare LCA-Datenbank, die alle Zutaten und Prozesse eines Lebensmittels abdeckt.

Das bedeutet: Egal wie detailliert man ein Lebensmittel modelliert, das Matching auf die LCA-Inventare muss trotzdem gemacht werden, und es ist bis zu einem gewissen Grad willkürlich. Eine Person würde manche Dinge anders zuordnen als eine andere. Bei Niatsu betreiben wir dafür eigene Machine-Learning-Modelle, und obwohl sie sehr genau sind (über 95 Prozent), trainieren wir sie von Zeit zu Zeit neu, und manche Dinge werden dann anders interpretiert. Es wird nie einen deterministischen Prozess geben, bei dem alles jedes Mal exakt gleich abläuft.

Das ist die Herausforderung auf der Datenbankseite. Ob man Ecoinvent, Agri-footprint, WFLDB oder Niatsu nutzt, die Fussabdrücke werden unterschiedlich gematcht, selbst wenn alle dieselbe Datenbank wählen. Und was wir in der Realität sehen, ist eher ein wildes Mischen verschiedener Quellen.

Womit wir beim Prozess der Produktmodellierung selbst wären. Hier laufen mehr Standardisierungsbestrebungen, aber ihr Erfolg hängt vollständig von der Adoption ab: Werden sich Industrie, Politik, NGOs und Anbieter einigen oder nicht?

European Sustainable Food Coalition

Niatsu ist Mitglied der ESFC, die Anbieter, politische Akteure und Marktteilnehmer zusammenbringt. Die ESFC bringt ihr Wissen in verschiedene Initiativen ein, etwa in klarere Rahmenwerke rund um die europäische EmpCo-Richtlinie und in die Unterstützung der Europäischen Kommission bei den Product-Environmental-Footprint-Standards (PEF). Die Herausforderung, die wir bisher erlebt haben: Ohne klaren regulatorischen Druck ist es schwierig, die verschiedenen Stakeholder auf eine Linie zu bringen, und generell fehlt es an Finanzierung für diese Arbeit.

Mondra Coalition

Die Mondra Coalition hat verschiedene Unternehmen und NGO’s in Grossbritannien zusammengebracht und einen der ersten nationalen Standards in Europa erarbeitet, wie LCAs durchzuführen sind, damit sie zwischen den Marktteilnehmern vergleichbar sind. Wer in den britischen Detailhandel verkauft, wird früher oder später an diesem Standard gemessen.

Die Methodik ist umfassend, lässt aber immer noch ziemlich viel Flexibilität zu, angefangen bei der Wahl der Datenbank bis hin zur Frage, was pro Produkt verpflichtend ist und was nicht. Die Lektüre erinnert mich stark an ISO 14067, einfach mit mehr Detail und Nomenklatur rund um Lebensmittel. Das interessantere Signal ist die Richtung: ein nationaler Markt, der sich auf ein Regelwerk einigt, öffentlich verfügbar, Version für Version weiterentwickelt.

Global Sustainability Transition Alliance

Die neueste Koalition GSTA, gegründet von WRAP und Wageningen University and Research. Es ist wohl die bisher grösste Initiative, um Stakeholder in ganz Europa zusammenzubringen. Das Ziel: eine abgestimmte Methodik und eine Emissionsdatenbank schaffen und die Herausforderung ein für alle Mal lösen. Die Timeline ist unten abgebildet.

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Ecolabel aka Affichage Environnemental

Während die Koalitionen noch Stakeholder ausrichten, hat Frankreich einfach reguliert. Das Affichage environnemental hat seine gesetzliche Grundlage im Klima- und Resilienzgesetz von 2021 und wird von ADEME geführt, der französischen Umweltagentur. Statt darauf zu warten, dass sich die Industrie auf eine Datenbank und eine Methodik einigt, hat Frankreich beides vorgegeben: Agribalyse als Referenzdatenbank für Agrar- und Lebensmittelprodukte und Ecobalyse als offizielles Berechnungstool.

Wo steht das Ganze heute? Der erwartete Weg folgt dem Textilsektor, der vorangegangen ist: Konsultation, Notifizierung bei der Europäischen Kommission, dann die Anwendungstexte. Die Kennzeichnung bleibt vorerst freiwillig, aber die Adoption läuft bereits. E.Leclerc hat den Score im April 2026 auf 6000 Produkten ausgerollt, noch vor jeder gesetzlichen Pflicht, mit einem breiteren Rollout in Etappen über 2026 und 2027. Parallel dazu arbeitet das EU-finanzierte Projekt Eco Food Choice daran, diesen Ansatz europaweit zu harmonisieren. Die finale Methodik wird im November 2026 erwartet.

Also, ist mein Food Footprint jetzt konform?

Die ehrliche Antwort im August 2026 lautet: konform womit? Wenn man LCA ISO 14040/44 folgt, bist du konform mit dem einzigen universell anerkannten Rahmenwerk. Und gleichzeitig weisst du jetzt, dass das allein euren Fussabdruck nicht mit anderen vergleichbar macht.

Unser Ansatz war immer: Die Compliance-Frage wird sich mit der Zeit klären. Bis dahin sollte der Fokus auf dem Handeln liegen. Den perfekten Fussabdruck gibt es nicht, aber wer eine Methodik wie die von Niatsu konsequent über alle Produkte anwendet, kann heute Entscheidungen treffen und Hotspots identifizieren.

Und zum Schluss: Verlangt von eurem Anbieter eine ausführliche Dokumentation mit Quellen und lasst euch die Methodik erklären. Wir finden immer wieder frühere Arbeiten, zum Beispiel von Beratungsfirmen, die weit von jeder standardisierten LCA-Methodik oder einem robusten Rahmenwerk entfernt sind.