Ernährungsinitiative: Ein Kommentar

Am 27. September stimmt die Schweiz über die Ernährungsinitiative ab. Im Kern geht es um den Selbstversorgungsgrad und um die Ausrichtung der Schweizer Landwirtschaft.
Als Datenanbieter im Ernährungssystem sind wir von der Vorlage nicht direkt betroffen. Ganz unbeteiligt sind wir aber auch nicht: Wir verkaufen CO2- und Herkunftsdaten in genau dem System, über das hier abgestimmt wird. Was wir mitbringen, sind Zahlen aus der Praxis, aus Analysen von Agrar- und Industrieprodukten. Dieser Kommentar soll Hintergrund liefern und eine eigene Meinungsbildung ermöglichen, keine Empfehlung abgeben.
Was die Initiative verlangt
Der offizielle Titel lautet "Für eine sichere Ernährung, durch Stärkung einer nachhaltigen inländischen Produktion, mehr pflanzliche Lebensmittel und sauberes Trinkwasser".
Verlangt wird ein Nettoselbstversorgungsgrad von mindestens 70 Prozent innert zehn Jahren. Dazu kommen Vorgaben zu Bodenfruchtbarkeit, Biodiversität und Trinkwasserschutz sowie eine Verschiebung der Produktion Richtung pflanzliche Lebensmittel.
Bundesrat und Parlament lehnen die Initiative ab.
Der Selbstversorgungsgrad
Letztes Jahr durften wir im ZKSD unsere Gedanken zum Thema Ernährung vorstellen. Damals habe ich mit dieser Grafik angefangen.

Der Bruttoselbstversorgungsgrad sagt, wie viel wir in der Schweiz insgesamt produzieren, gemessen am Verbrauch. Der Nettoselbstversorgungsgrad rechnet zusätzlich heraus, was mit importierten Futtermitteln produziert wurde. Eine Kuh, die mit brasilianischem Soja gefüttert wird, liefert brutto Schweizer Milch, netto nur teilweise.
Genau diese Unterscheidung macht die Vorlage anspruchsvoll. 2024 lag der Bruttowert bei rund 50 Prozent, der Nettowert bei rund 42 Prozent. Die Initiative zielt auf den Nettowert. Von 42 auf 70 Prozent sind es 28 Prozentpunkte in zehn Jahren.
Beim Blick auf die Kurve lohnt sich Vorsicht in zwei Richtungen. Der Rückgang seit den 2000er Jahren ist real, der Nettowert lag im Schnitt der Jahre 2001 bis 2006 noch bei etwa 55 Prozent.
Die Bevölkerung ist von 7,2 Millionen im Jahr 2000 auf 9,1 Millionen gewachsen, während die inländische Produktion etwa gleich blieb. Ein grosser Teil des Rückgangs ist schlicht Division durch eine grössere Zahl.
Die Grafik aus dem Agrarbericht 2025 zeigt zudem, welche Kategorien wie stark auf Importe angewiesen sind.

Auffallend ist etwa Butter, wo der tiefe Wert im Kontext der winterlichen Milchschwemme zu Bauernprotesten geführt hat. Beim Zucker fiel der Wert 2024 auf 47 Prozent, beim Brotgetreide auf 55 Prozent. Tierische Produkte liegen brutto bei 93 Prozent, netto deutlich tiefer, eben wegen des importierten Kraftfutters.
Die Bundesausgaben für die Landwirtschaft blieben in dieser Zeit weitgehend stabil. Pro Kopf der Bevölkerung ist die Unterstützung damit gesunken.

Eine globalisierte Industrie
Wir berechnen CO2-Analysen sowohl von Agrarprodukten als auch von industriellen Produkten. Eines würde die meisten Konsumentinnen und Konsumenten vermutlich überraschen: wie weit Lebensmittel heute reisen. Bei Elektronik ist uns klar, dass die Teile aus Asien kommen. Bei Lebensmitteln ist es oft nicht anders.
Ein Beispiel sind Bio-Joghurts, die mit Rohrzucker aus Paraguay statt mit Rübenzucker aus der Schweiz hergestellt werden. Auf den CO2-Ausstoss hat das einen begrenzten Einfluss, der Transport per Schiff fällt weniger ins Gewicht als viele annehmen. Es ist aber ein Indiz dafür, wie stark der Preis internationaler Rohstoffe die Rezeptur mitbestimmt.
Vergleich Rüberzucker aus der Schweiz und Rohrzucker aus Paraguay (inklusive Transport)
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kgCO2e/kg Produkt
Rübenzucker Schweiz
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kgCO2e/kg Produkt
Rohrzucker Paraguay
Auf dem Becher steht ein Schweizer Kreuz, und Bio ist es auch. Beides stimmt, und trotzdem ist ein Teil der Wertschöpfung im Ausland.
Ob solche Beschaffungsentscheide unter der Initiative anders ausfallen würden, ist offen. Die Initiative setzt eine Quote auf Systemebene, keine Beschaffungsregeln pro Produkt. Klar ist nur: Ein höherer Selbstversorgungsgrad ist ohne Verschiebungen bei genau solchen Zutaten schwer zu erreichen, und ausländische Rohstoffe sind heute deutlich günstiger. Konsumenten, Retailer und Hersteller achten alle stark auf den Preis.
Stark verarbeitete Produkte
Neben der Globalisierung spielt das veränderte Konsumverhalten eine Rolle. Frische Produkte sind schnell verderblich, hier ist regionale Beschaffung naheliegend. Bei stark verarbeiteten Produkten sieht es anders aus. Ob das Zwiebelpulver aus Indien oder aus der Schweiz stammt, merkt niemand.
Das wirkt auf zwei Ebenen. Erstens beim Kaufentscheid: Bei Fleisch und Gemüse im Supermarkt schauen wir auf die Herkunft. Beim Take-away-Sandwich am Hauptbahnhof zählen Geschmack, Preis und Tempo, die Herkunft des Fleisches rückt in den Hintergrund.
Zweitens bei der Marge. Verarbeitete Produkte sind für Hersteller attraktiver, und dort ist die Herkunft der Rohstoffe am wenigsten sichtbar. Bei einem Proteingetränk mit Erdbeergeschmack spielt das Herkunftsland der Erdbeere ohnehin kaum eine Rolle.
Der Anteil verarbeiteter Produkte am Warenkorb steigt seit Jahren. Wer den Selbstversorgungsgrad heben will, muss also nicht nur die Produktion, sondern auch diesen Teil des Sortiments erreichen.
Der pflanzliche Teil der Vorlage
Die Gegner werben mit dem Stichwort "Vegan-Zwang". Die Frage ist eher, wie weit das geht und wie es umgesetzt würde.
Dahinter steckt eine Flächenrechnung. Für ein Kilogramm Schweinefleisch braucht es rund drei Kilogramm Futter, gerechnet auf Lebendgewicht. Pro Kilogramm essbares Fleisch liegt der Wert höher. Das ist einer der Gründe, weshalb tierische Produkte in unseren Analysen durchgehend höhere Emissionen aufweisen als pflanzliche.
Schweizerische Tierische & Pflanzliche Produkte
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kgCO2e/kg
Rindfleisch
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kgCO2e/kg
Schweinefleisch
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kgCO2e/kg
Tofu
Wenn das Futter im Inland wächst, belegt es Fläche, die auch direkt Lebensmittel für Menschen liefern könnte. Nach unseren Daten führt ein geringerer Fleischkonsum zu einem tieferen CO2-Ausstoss.
Wie stark diese Umlagerung möglich ist, hängt allerdings von der Tierart ab, und dieser Unterschied geht in der Debatte meist unter.
Bei Schwein und Geflügel ist die Konkurrenz direkt. Diese Tiere fressen Getreide, Soja und andere Komponenten, die Menschen ebenso essen könnten oder die auf Ackerland wachsen. Ein grosser Teil davon wird importiert, und genau das drückt den Nettoselbstversorgungsgrad. Hier wirkt eine Verschiebung Richtung pflanzliche Produkte am direktesten auf den Zielwert der Initiative.
Bei Milch und Rindfleisch ist es komplizierter. Rund sieben von zehn Hektaren der landwirtschaftlichen Nutzfläche sind Grünflächen, und in gewissen Gebieten lässt sich tatsächlich nichts anderes anbauen.
Bleibt ein Effekt, den die Initiative nicht steuern kann: Der Markt könnte auch so reagieren, dass schlicht mehr tierische Produkte importiert werden. Nicht alle Länder produzieren nach denselben Standards. Ein höherer inländischer Selbstversorgungsgrad kann in diesem Fall zu einer Verlagerung führen statt zu einer echten Verbesserung.
Schlusswort
Aus unseren Daten lässt sich deshalb keine einfache Antwort ableiten. Sie zeigen vielmehr, wie eng Herkunft, Ernährung, Landwirtschaft und Umwelt miteinander verbunden sind. Klar ist vor allem eines: Die Frage, wie sich die Schweiz künftig ernähren und gleichzeitig Versorgungssicherheit, Wirtschaftlichkeit und Nachhaltigkeit gewährleisten will, ist deutlich komplizierter als eine einzelne Prozentzahl.
